Der Lobbericher Eduard Istas

Von Johannes Fritz, Lobberich


Lobberich hat eine Reihe recht bemerkenswerter Männer hervorgebracht, insbesondere im vorigen Jahrhundert. Freilich wäre bei jeder dieser Persönlichkeiten noch zu prüfen, ob die sie auszeichnende Erbmasse aus eingesessenen Lobbericher Sippen stammt oder aber von jüngeren Mitbürgern. Die Istas, von denen der Verfasser hier spricht, kommen aus Hülchrath. Giersberg nennt in

seiner Geschichte der Pfarreien des Dekanates Grevenbroich 1883, 313: Johann Hubert Istas, 1807 in Hülchrath geboren, zum Priester geweiht 1831 und als Kaplan an S. Paulus zu Aachen im Rufe der Heiligkeit 1843 gestorben. So ist es ergänzend zu lesen in den Beiträgen zur Geschichte der Kreise Neuß-Grevenbroich 1900, 16. Es muß um 1900 in Lobberich Leute gegeben haben, die diese Notiz lasen und an die Schriftleitung der Neuß-Grevenbroicher Zeitung, welche diese Beiträge herausgab, eine Mitteilung über die Familie Istas einsandten, aus der sich weitere Hinweise ergeben.

Ein Oheim des Hülchrather Johann Hubert Istas war der Wundarzt Alexander Lambert Istas, der am 5. April 1786 in Hülchrath geboren wurde. Er verzog 1815 nach Lobberich. Man müßte seiner Tätigkeit in unserem Orte einmal nachgehen, da er gewiß nicht ohne Grund seitens der preußischen Regierung als Ritter des königlidien Kronenordens vorgeschlagen und ausgezeichnet wurde. Der Arzt starb am 1. Januar 1879 im Alter von fast 93 Jahren bei seinem Sohne, dem

Hauptlehrer Istas, dessen Lebenswerk in unserem Heimatbuch gewiß eine Würdigung verdient hat. Denn der zu Lobberich am 19. Januar 1820 geborene Elementarlehrer Istas gründete hier 1841, im ersten Jahre seiner Lehrerschaft, den bekannten Männer-Gesangverein, dessen Dirigent er bis zu seinem Lebensende blieb. Als er mit 78 Jahren als Ritter des königlichen Kronenordens und Inhaber des Adlers des königlichen Hausordens von Hohenzollern am 11. Juni 1897 starb, lebte sein Bruder, der Lehrer Philibert Istas, weiter in Lobberich., neben ihm noch der Verwandte Mathias Istas in Grevenbroich als Buchhändler.

Im Jahre 1841 waren an der Lobbericher Schule und Kirche einige Änderungen vor sich gegangen Zunächst starb Pfarrer Bernhard Kempen, den man noch als Vertreter einer älteren für immer vergangenen Epoche ansehen darf. Uber 600 Jahre hatte die Praemonstratenserabtei Knechtsteden bei Dormagen das Vorschlagsrecht bei der Lobbericher Pfarrbesetzung ausgeübt. P. Bernhard Kempen war der letzte in einer langen Reihe Knechtstedener Mönche gewesen. Die bischöfliche Behörde in Münster ernannte nach seinem Tode den Weltgeistlichen Peter Heinrich Krins zum Lobbericher Pfarrer. Sein Grabstein, der mittlere vor dem Friedhofskreuz, hält fest, daß Krins 1803 in Waldniel geboren wurde und 1867 als Dechant und Ehrendomherr hier starb.

Die Besetzung der Schulstelle war bis dahin, ebenfalls durch Jahrhunderte, in der Weise erfolgt, daß Adel, Pfarrer und Schöffen den Kandidaten prüften wund ernannten. Der im Jahre 1841 wegen Altersschwäche ausscheidende Schulmeister, Küster und Kantor Johann Baptist Reiner Orths hatte das Schulamt 1794 von seinem Vater übernommen und es durch 48 Jahre getragen. Als sein Nachfolger wurde Eduard Istas von der Königlichen Regierung in Düsseldorf 1841 mit dem Schulamt in Lobberich betraut. Er hatte seine Vorbildung im Seminar zu Brühl erhalten. Istas war der erste Lehrer, der nicht zugleich als Küster und Kantor fungierte.

Lobberich war damals ein kleines Weberdorf, das mit den umliegenden Honschaften etwa 2500 Einwohner zählte. Es hatte nur eine, auf der heutigen Burgstraße gelegene, damals einstöckig gebaute Schule, an welcher der junge Istas, unterstützt von ein cm Hilfslehrer, allein unterrichtete. Erst zehn Jahre später wurde eine zweite Lehrerstelle notwendig, die der ebenfalls noch in bestem Andenken stehende Lehrer Wilhelm Holthausen, ein gebürtiger Hinsbecker, bekleidet hat. Holthausen hatte schon das Lehrerseminar in Kempen besucht.

In dem kleinen Lobberich war von jeher der Gesang zu Hause, denn die Weber sangen gerne ein Lied bei der Arbeit. Das gab dem jungen gesang- und musikliebenden Istas den Mut, schon am 15. November 1841 eine Anzahl Sänger um sich zu scharen und mit ihnen den Lobbericher Männer-Gesangverein zu gründen. Er sang zunächst beim Hochamt und bei der Vesper die liturgischen Gesänge. Aber es wurden natürlich auch weltliche Lieder geprobt und in öffentlichen Konzerten vorgetragen. Sogar an Sängerfesten und Gesangwettstreiten nahm der junge Verein teil. Es ist bekannt, daß er 1852 von einem Wettstreit in Düsseldorf preisgekrönt heimkehrte. Auf dem silbernen Pokal sind die Namen der damaligen Mitglieder als die Gründer des Vereins bezeichnet. Es waren:

Eduard Istas, Dirigent; Jakob Michels, Blaufärber; Theodor Deutges, Unter nehmer; Egidius Dohmes, Wirt und Landwirt; Albert van Lom, Hilfslehrer; Peter Feldges, Peter Joh. Huenges, Matth. Michels, Edmund Kessels, stud. theol.; Paul Reiners, Küster; Jakob Reiners, Maler; Peter Kauertz, Joh. Kessels, Helwig Kessels, Friedrich Feldges, Hermann Reifenstuhl, Kaufmann; Martin Schuren, Werkmeister — alles gute, alte Lobbericher Namen.

1852 heiratete Istas die älteste Tochter des Bürgermeisters Heinrich Kessels. Seine Sorge für die junge Familie kennzeichnen mehrere Eingaben an die Schulbehörde, in denen er um eine Erhöhung seiner Einkünfte bittet. Eine Eingabe von 1851 gibt bereits Einblick in die Verhältnisse eines Lehrers jener Zeit. Istas schreibt, er hätte 254 Kinder zu unterrichten (zusammen mit dem Hilfslehrer), davon seien durchschnittlich jeweils 14 Kinder krank, 40 Kinder Armenkinder, so daß nur 200 Kinder das ordentliche Schulgeld von drei Silbergroschen pro Monat bezahlen. Er hätte damit, sofern das Schulgeld der Kinder voll einging, eine Einnahme von 240 Taler jährlich; dazu 30 Taler für den Unterricht der Armenkinder und seine 66 Taler Grundgehalt, zusammen 336 Taler. Hiervon müsse er 72 Taler für den Hilfslehrer bezahlen, so daß ihm nur 264 Taler blieben.

Es wären ihm aber bei seiner Anstellung 270 Taler garantiert worden, weshalb er ergebenst bitte usw.

Der Lehrer mußte die Schule selbst heizen und hatte gegen eine Vergütung von 9 Pfg. auch das Brennmaterial zu stellen. Ein Antrag von 1855, diese Vergütung auf 1 Silbergroschen =--- 12 Pfennig zu erhöhen, wurde vom Gemeinderat abgelehnt. Man sieht, das arme Dorfschulmeisterlein in dem bekannten Spottlied ist nicht erfunden, es hat wirklich existiert.

Ein harter Schlag war für Istas der Tod seiner Frau im Jahre 1873. Er ging keine neue Ehe ein; seine Töchter führten außer ihrem Tuchladen auch seinen Haushalt weiter.

In seinem Verein hören wir in den nächsten Jahren von einer Spaltung, da mehrere Mitglieder, darunter die evangelischen, nicht mehr in der Kirche singen, sondern sich allein weltlichen Liedern widmen wollten. Bei einer Abstimmung konstituierte sich diese Gruppe als selbständiger Verein. Die andere Gruppe pflegte als Kirchenchor wie bisher nur die Verschönerung des Gottesdienstes.

Die Trennung erfolgte ohne Streit. Istas war Dirigent beider Vereine, und eine Anzahl besonders sangesfreudiger Bürger wie Nonninger, Andrae, Horstmann, Michels blieben beiden Vereinen treu.

1886 trat Lehrer Istas in den Ruhestand. Seinen Gesangvereinen galt nun seine ganze Liebe. Dem Kirchenchor gliederte er einen Knabenchor an, der mit 40 bis 50 Sängerknaben jede Woche zweimal im Unterrichtsraum der Pastorat unter seiner Leitung probte. Damit vermochte er seine Ziele weiter zu stecken und die Hochfeste der Kirche gesanglich noch schöner zu gestalten. Er sammelte seit langem schon alte Prozessions- und Wallfahrtslieder, die er in einer besonderen Ziffern-Notenschrift festhielt und 1881-84 in vielen Heften vervielfältigt herausgab. Kostbares Gut ist uns auf diese Art erhalten geblieben. Die eigenartige Notenschrift in Zahlen und die Herstellung der kleinen Liederhefte sind ein Kuriosum. Die Zahlenschrift bedarf einer Erläuterung. Der Grundton (1 Es)

Probe aus dem von Lehrer Istas geschriebenen „Liederheft für gern. Chor mit alten Prozessions- und Wallfahrtsliedern

bestimmte die Tonart und damit die Töne, für welche die einzelnen Zahlen standen. War 1 = Es, waren 5 = B, 3 G, 4 As u. s. f. Ein Punkt über der Zahl bezeichnet die Oktave nach oben, ein Punkt unter der Zahl die Oktave nach unten. Zwei durch einen Oberstrich verbundene Zahlen gelten als Achtelnoten, eine Zahl von links unten nach rechts oben durchstrichen erhöht die Note um einen halben Ton, bei einem Strich links oben nach rechts unten wird die Note um einen halben Ton erniedrigt Eine Null bedeutet einen Schlag Pause (s. Abb.).

55 Jahre wirkte dieser vortreffliche Mann als Dirigent der beiden von ihm gegründeten Vereine, ehe er am 11. Juni 1897 hochgeachtet und tief betrauert starb. Die dankbare Nachwelt ehrte ihn durch Anbringen einer Gedenktafel an seinem Wohnhause Markt Nr 11. Auch die Eduard-Istas-Straße, eine Hauptstraße im neuen Bauviertel, soll sein Andenken bei der Lobbericher Bevölkerung lebendig erhalten.

Literatur über den Lobbericher Chor und Männer-Gesangverein in der den Pressevertretern im März 1927 bei der Lobbericher Pressetagung überreichten Mappe. Beitrag über: Der Männer-Gesang-Verein und Gemischte Chor Lobberich, der erste Männergesangverein am Niederrhein mit Bild Istas. Ferner: Musik im Leben. Zeitschrift der Volkserneuerung 2 (1926) 132 und Rhein und Maas. Lobbericher Volkszeitung 47 (1926) Nr. 87.


Quelle: Heimatbuch 1959 des Kreises Kempen-Krefeld, Kempen 1958, S. 93f.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Oberkreisdirektors des Kreises Viersen. Nach schriftlicherAnfrage an den Kulturdezernenten wurde diese Genehmigung am am 16. September 1999 durch den Kreisarchivar erteilt.

Das Heimatbuch ist ausverkauft, eine Zusammenstellung der ersten 10 Bände ist erhältlich  unter http://shop.kreis-viersen.de


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